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Der etwas andere Absolventenbericht

Bei der OecNews ist es Tradition, dass ehemalige Mitarbeiter einen Absolventenbericht verfassen. Aus diesem Grund wird diese Ehre auch unserem ehemaligen Automobilspezialisten und Fotografen, David Renz, zuteil. Die Leserschaft darf sich auf einen Pointierten Text gefasst machen.

Von David Renz

Wie (fast) jedem vormaligen Redakteur der OecNews blüht es jetzt auch mir: Man hat mir aufgetragen, einen Absolventenbericht zu schreiben. Um ehrlich zu sein, in den Redaktionsitzungen hielt sich meine Begeisterung für diese Berichten immer sehr in Grenzen.

Für meinen Geschmack fügen sich die Berichte zu nahtlos in den Run auf die Universitätsabgänger ein. Zuweilen nimmt der schiere Gebrauch des Wortes "Absolvent" inflationäre Züge an. Ganz offenbar buhlen alle um die Talente von morgen und nutzen Interviews, Werbeseiten und Praxisberichte dazu, ihre Vorstellungen von Absolventen möglichst eindrücklich zu deponieren, immer mit dem Unterton, wenn man das nicht kumulativ erfülle, man keine Stelle finde. Selbst Erstsemester konfrontiert man schon mit ihrem zukünftigen Dasein als Absolventen. Alle wollen die Besten und für die auch nur das Allerbeste. Alles klingt gut, wenn auch etwas unverbindlich (bis auf das, dass sie nur die Besten wollen, und für die auch nur das Allerbeste) oder nach Gemeinplatz (wie beispielsweise der unselige Praxisbezug).

Die gebotenen Informationen sollten allerdings cum grano salis genossen werden. Einerseits stammen sie oft genug aus einer Quelle fernab der Linie. Dass diese Informationen einen starken Drall in eine Richtung aufweisen  das "Marketing" im Wort Personalmarketing sagt es ja-- und die Gemeinplätze auch daraus entstehen, weil sonst das Inserat etwas mikrig ausfallen würde, brauche ich ja niemandem zu erklären. Die bittere Ironie - das vielleicht kurz am Rande - besteht dann darin, dass bei der Prüfung der eingereichten Bewerbungsdossiers mehr Zeit für die Plausibilisierung des Lebenslaufs denn für die eigentliche Empfehlung an die Linie draufgeht.

Andererseits werden nur Erfolgsgeschichten erzählt. Wenn ein Absolvent in einem Absolventenbericht sagt, ihm gefalle seine Stelle --ja hoffentlich gefällt sie ihm, sonst würde er etwas falsch machen-- und alles sei gut gelaufen, trägt das auch nicht zu einer kompletten Information bei. Die schattigen Seiten des Absolventenmarkts werden gerne ausgeblendet. Die Debatte um das Prekariat und die Geschichten von Lizentianten, die sich direkt bei der RAV anmelden mögen für die Wirtschaftsabgänger Pathologien sein. Aber unter dem Strich dürften mehr Leute existieren, die nach dem Studium Probleme haben, einen Platz an der Sonnenseite des Arbeitsmarkts zu ergattern, als "Berichte" und die Hochglanzbroschüren suggerieren. Für eine Meinungsbildung, die diesen Namen verdient, bedürfte es aber genau mehr dieser Geschichten. Der Mangel an Praxisbezug in Vorlesungen oder fehlende Praktika prägen diese denn auch weniger als andere Faktoren und Friktionen, welche in engem Zusammenhang mit der Person selbst --und damit potentiell ausserhalb der Universität-- stehen.

Was es also eigentlich bräuchte, wäre eine ehrliche Analyse der Schattenseite des Absolventenmarktes auf dessen Ursachen und nicht eine Beschreibung des i-ten Traineeprogramms der i- ten Bank. Damit haben wir aber die Zeitdimension vollkommen weggelassen: Wieso sollen wir die Absolventen von Gestern über ihr Heute befragen? Wenn schon sollten die Absolventen von Vor-Vorgestern über den Pfad zu ihrem Heute schreiben. Ob dann diese Leute mit ihrem Leben zufrieden sind, steht wiederum auf einem anderen Blatt geschrieben (ich finde den mit der Scheidungskonvention besser...). Nur dann artet die Sache in eine Übung zur Transzendenz der Studienentscheidung aus, die eigentlich in die Lebenshilfe-Kolumne eines dieser Heftchen für das subalterne Management gehört. Um hier mithalten zu können, mangelt es der OecNews allerdings an geeigneten Centerfolds.

Die Wege, welche Leute nach der Universität einschlagen, sind so verschieden wie die Menschen selbst und die Ursachen dafür, ja, die passen nicht auf eine Seite im Booklet für die Erstsemester. Konsequenterweise sollten wir eigentlich auf Absolventenberichte verzichten. Nicht aber auf das Nachdenken darüber, wieso eigentlich.